Der Kongress Armut und Gesundheit begeht sein 25-jähriges Jubiläum

Wenn wir heute in den Vorbereitungen des 25. Kongresses Armut und Gesundheit stecken und wir in unserer Kommunikation die Dringlichkeit und den Handlungsbedarf, der sich aus dem Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage ergibt, erneut thematisieren, dann mutet dies mitunter etwas seltsam an, so, als würde man im Gefühl, Eulen nach Athen zu tragen, gleichzeitig neue/andere Eulen und einen neuen/besseren Ort suchen müssen. Denn klar: Wer möchte schon bestreiten, dass Armut – sei sie nun absolut oder relativ – sich negativ auf die Gesundheit auswirkt? Aber warum ist es uns nicht gelungen, aus 25 Jahren Wissenschaft und Praxis eine Wirksamkeit in unseren Handlungen abzuleiten, die eine bessere Gesundheit für alle Menschen beschert?

Kleine Fortschritte...

Als der erste Kongress Armut und Gesundheit im Jahr 1995 aus der Taufe gehoben wurde, war es noch möglich, den Zusammenhang zwischen den beiden Variablen – soziale Lage und Gesundheit – zu negieren. Damals erhielten die Organisator*innen des Kongresses, als sie das Bundesgesundheitsministerium um ein Grußwort baten, sinngemäß die Antwort, dass ein solcher Zusammenhang nicht gegeben sei, denn dank des Sozialstaates gäbe es keine Armut in Deutschland (vgl. Rosenbrock 2015). Damals gab es die Armuts- und Reichtumsberichterstattung noch nicht, sie war gerade erst in Planung begriffen. Auch gab es in Deutschland verhältnismäßig wenig Forschung zum Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage (vgl. Rosenbrock/Geene 1999).  Mielck (1995) beklagte damals, dass das Thema Armut und Gesundheit insgesamt eine untergeordnete Rolle spielte.

Mittlerweile haben wir jedoch kein Evidenzproblem mehr! Was die Datenlage betrifft, liegt uns heute für Deutschland ein reichhaltiger Fundus an Daten vor, die den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit belegen.

...mit welchem Ergebnis?

Die Daten sind weiterhin erdrückend! Inzwischen sind sogar zeitliche Entwicklungen und Trends zum Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und der Gesundheit ableitbar. Die Ergebnisse zeigen, im Einklang mit Befunden anderer nationaler und internationaler Studien, dass sich die bestehenden gesundheitlichen Ungleichheiten über die Zeit als überaus stabil erweisen und zum Teil noch ausgeweitet haben (vgl. Lampert et al., 2019). Anlass für uns, weiter zu machen… oder so ähnlich.

1995 – 2020: Der Kongress verändert sein Gesicht

Der erste Kongress Armut und Gesundheit fand am 8. und 9. Dezember 1995 an der Technischen Universität Berlin statt. Damals noch ohne Motto, der Titel war zugleich Schwerpunkt und Fokus. Veranstaltet und somit „aus der Taufe gehoben“ wurde er von der Ärztekammer Berlin, der Technischen Universität Berlin, die drei Jahre zuvor, im Jahr 1992 mit dem Zentrum für Public Health den ersten gesundheitswissenschaftlichen Studiengang ins Leben rief, und der damaligen Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung,  Gesundheit Berlin e.V. (seit 2009 Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V., Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung beider Bundesländer).

Die Veranstalter*innen konzipierten damals drei Fachtagungen, um einzelne, von Armut besonders betroffene Bevölkerungsgruppen in den Blick nehmen zu können und ihre Belange in das öffentliche Bewusstsein zu tragen: wohnungslose Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und Alleinerziehende. Schon damals, so berichten die Veranstalter, gab es Verwunderung z. B. zur Auswahl der Gruppe der Alleinerziehenden, für sie damals schon „ein Hinweis darauf, die Wahrnehmung dafür zu schärfen, dass Armut sich häufig unspektakulär gestaltet, in hohem Maße individualisiert ist und dass die Armut von Frauen und Kindern vielfach unsichtbar bleibt und in ihrem Ausmaß unterschätzt wird“ (Bouali, K.; Hellbernd H.; Wieners K. 1995: Vorwort zur Dokumentation des Kongresses Armut und Gesundheit 1995).

Seither hat sich  der Kongresses deutlich gewandelt: Im letzten Jahr wurden an zwei Kongresstagen insgesamt 128 Veranstaltungen angeboten. Aus den 200 Teilnehmenden in 1995 sind es inzwischen jährlich ca. 2.300 geworden, davon allein ca. 600 Referierende und Moderierende. Aus den 3 Themenfeldern sind 25 geworden – 22 davon durch bundesweit zusammengesetzte Programmkomitees gestaltet.

Nun darf sich der Kongress als deutlichlandweit größte Public Health-Veranstaltung bezeichnen – seit dem Jahr 2015 trägt er diese Entwicklung auch im Namen.

Gemeinsam mit Ihnen möchten wir das 25-jährige Jubiläum dazu nutzen, auch eine kritische Bilanz zu ziehen, denn:

„Wir sind noch nicht da angekommen, wo wir sein wollen, denn sonst hätte sich der Kongress bereits in Luft aufgelöst.“

(Prof. Heike Köckler bei der Abschlussveranstaltung zum Kongress Armut und Gesundheit 2019).

Fotos: André Wagenzik & Icons: Do Ra / fotolia.com