20-jähriges Jubiläum des Kongresses Armut und Gesundheit

In 2015 fand das 20-jährige Jubiläum des Kongresses Armut und Gesundheit statt. Dies nahm das Kongressteam zum Anlass, auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückzublicken. Außerdem wurden Wegbegleiter des Kongresses gebeten, Entwicklungslinien ihrer Themenbereiche in Form kurzer Statements nachzuzeichnen.

Ergebnis dieses Rückblickes ist der folgende Artikel, der zuerst im Journal Gesundheitsförderung 1-2016 erschienen ist.


Kongress Armut und Gesundheit - Eine Zeitreise

Wir möchten die Entwicklung des Kongresses in den 20 Jahren seines Bestehens kurz skizzieren und aufzeigen, dass er mit den Jahren nicht überflüssig geworden ist, sondern nach wie vor Dringlichkeit und Handlungsbedarf besteht.

Für das Kongressteam: Marion Amler & Maren Janella (2015)

„Armut und Gesundheit lautet das Thema und wir müssen die Zusammenhänge öffentlich machen, eine öffentliche Diskussion in Gang setzen und aufrecht erhalten. Es ist daher selbstverständlich, dass diesem Kongress weitere folgen werden ...“

Dr. med. Ellis Huber, Mitinitiator des Kongresses Armut und Gesundheit (1995)

Wenn wir heute in den Vorbereitungen des 21. Kongresses stecken und in unserer Kommunikation mit der Außenwelt die Dringlichkeit und den Handlungsbedarf erneut thematisieren, der sich aus dem  Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage ergibt, dann mutet dies mitunter etwas seltsam an, so, als würden wir Eulen nach Athen tragen. Denn: Wer möchte schon bestreiten, dass Armut sich negativ auf die Gesundheit auswirkt? Man möge nur an prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeitslosigkeit, an Obdachlosigkeit, an fehlenden Krankenversicherungsschutz denken. Auch stellen in einem Land wie Deutschland Kinder – und insbesondere Kinderreichtum – per se ein Armutsrisiko dar, mit starken Auswirkungen auf ihre gesellschaftlichen Teilhabechancen. Ihren Eltern mangelt es oft an Geld für den Sportverein, für die Klassenfahrt, für den Gang ins Schwimmbad... Wer möchte all das bestreiten?

 

1995: Negierung der sozialen Determinanten von Gesundheit


Als der erste Kongress Armut und Gesundheit im Jahr 1995 aus der Taufe gehoben wurde, war es noch möglich, den Zusammenhang zwischen den beiden Variablen – soziale Lage und Gesundheit – (politisch) zu negieren. Damals erhielten die Organisatoren des Kongresses, als sie das Bundesgesundheitsministerium um ein Grußwort baten, sinngemäß die Antwort, dass ein solcher Zusammenhang nicht gegeben sei, denn dank des Sozialstaates gäbe es keine Armut in Deutschland. Damals gab es die Armuts- und Reichtumsberichterstattung noch nicht, sie war gerade erst in Planung begriffen. Auch gab es in Deutschland verhältnismäßig wenig Forschung zum Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage und das Thema spielte insgesamt eine untergeordnete Rolle.

Dies auch deshalb, weil die Public Health-Wissenschaft als Ganze – diskreditiert durch die grausamen Auswüchse der „Volksgesundheit“ im Dritten Reich – noch in den Kinderschuhen steckte, zumindest in West-Deutschland, und gerade erst wieder zu wachsen begann. Damals – und dies reicht hinein bis in die Gegenwart – war der Gedanke der Prävention und Gesundheitsförderung geprägt vom „Imperialismus der Medizin“, wie Rolf Rosenbrock es in seiner Eröffnungsrede im Jahr 2014 bezeichnete: der  „konsequenten Nicht-Befassung der Gesundheitspolitik der BRD mit Fragen der sozialen Determinanten und damit de facto eine sehr weitgehend individualisierte Sicht auf Gesundheit und Krankheit... Gegenstand der  Gesundheitspolitik war die Summe der individuellen medizinischen Versorgungsfälle.“ Gegen diese Sicht, die konsequent negiert, dass die heutige hohe Lebensqualität in einem reichen Land wie unserem nur zu ca. 20 Prozent der Verbesserung der medizinischen Versorgung und zu 80 Prozent der Verbesserung der Lebensverhältnisse zuzuschreiben ist, kämpft der Kongress bis heute an.

 

2015: Gesicherte Daten machen eine Negation unmöglich


Aber zumindest, was die Datenlage betrifft, liegt uns heute – auch für Deutschland – ein reichhaltiger Fundus vor, der den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit belegt (s. nebenstehendes Statement von Thomas Lampert).

 

„In den letzten 20 Jahren hat sich die Datenlage für die Berichterstattung zum Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit kontinuierlich verbessert. Neben bevölkerungsweiten Gesundheitssurveys und epidemiologischen Studien, deren Zahl über die Zeit deutlich zugenommen hat, können zunehmend auch sozialwissenschaftliche Erhebungen, amtliche Statistiken und Daten der Sozialversicherungsträger genutzt werden. Die Ergebnisse finden inzwischen auch Eingang in die Sozialberichterstattung, z. B. in die Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung. Durch diese Entwicklung steht uns heute eine breite Informationsgrundlage zur Verfügung, um die Öffentlichkeit über die gesundheitlichen Auswirkungen von Armut und sozialer Ungleichheit ins Bild zu setzen und informierte Entscheidungen der Akteure im Sozial- und Gesundheitswesen sowie der Politik zu unterstützen. Der Kongress Armut und Gesundheit hat wesentlich dazu beigetragen, die Vernetzung zwischen Forschung, Berichterstattung und Praxis voranzutreiben.“

 

PD Dr. Thomas Lampert, Robert Koch-Institut, Leiter Fachgebiet Soziale Determinanten der Gesundheit.

 

Die regelmäßige Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts zur Gesundheitsberichterstattung (GBE kompakt 2-2014) stellt fest:

  • Männer und Frauen mit niedrigem Einkommen haben im Vergleich zu denen mit hohem Einkommen ein um das 2,7- bzw. 2,4-fach erhöhtes vorzeitiges Sterblichkeitsrisiko.
  • Die mittlere Lebenserwartung bei Geburt ist in der niedrigen Einkommensgruppe bei Männern um 10,8 Jahre und bei Frauen um 8,4 Jahre verringert.
  • Und auch die fernere Lebenserwartung ab 65 Jahren ist für Männer und Frauen mit niedrigem Einkommen um 5,3 Jahre bzw. 3,8 Jahre reduziert.

 

Der Zusammenhang zwischen Armut und sozialer Lage konstituiert sich dabei zum einen aus den gesundheitlichen Belastungen: schlechtem Wohnumfeld, unsicheren Einkommensverhältnissen etc. Dem steht zum anderen das Vorhandensein – oder eben das Fehlen – von Bewältigungsressourcen gegenüber: in armen Haushalten sind diese in der Regel weniger gut ausgeprägt. Der Aufbau und Erhalt eines haltgebenden sozialen Netzwerkes etwa oder die Fähigkeit, eigene Ansprüche und Wünsche zu kommunizieren. Auch die Wahl der Freizeitaktivitäten zählt dazu. Nicht zuletzt ist auch die Selbstwirksamkeit – das Gefühl also, seine eigenen Lebensumstände beeinflussen und gestalten zu können – eine wesentliche Ressource für den Erhalt von Gesundheit.

„Ein wichtiges Anliegen bei der Konzeption des Kongresses war es, Öffentlichkeit darüber herzustellen, dass auch in einem reichen Land wie der BRD Armut kein marginalisiertes Problem ist und lediglich die Lebenssituation von Randgruppen beschreibt. Armut hat verschiedene Erscheinungsformen. Wahrgenommen wird sie oft erst dann, wenn sie augenfällig wird, wenn sie mit einer eindeutigen, für alle sichtbaren sozialen Ausgrenzung einhergeht“, heißt es im Vorwort der Dokumentation des ersten Kongresses.

Diese Agenda des Kongresses ist nach 20 Jahren nicht erfüllt oder obsolet, wie Gerhard Traberts Ausführungen zeigen (s. Kasten unten).

„Wohnungslosigkeit nimmt in Deutschland wieder zu. Wohnungslos zu sein, ist mit einer erhöhten Erkrankungsquote und einer deutlich geringeren Lebenserwartung verbunden. Gründe für Wohnungslosigkeit sind strukturell (hohe Mietpreise; unzureichende Beratung und Begleitung durch Vermieter und Behörden zur Verhinderung des Verlustes der Wohnung; Verlust der Arbeit) und individuell (schwere Schicksalsschläge) bedingt. Die Erfahrungen aus den letzten Jahren zeigen, dass es bundesweit immer mehr, sehr heterogen konzipierte, finanzierte und organisierte Initiativen, Vereine bzw. Versorgungsmodelle gibt, die versuchen, von Armut - speziell von Wohnungslosigkeit - betroffene Menschen gesundheitlich zu versorgen. Eine Regelfinanzierung dieser Initiativen und Projekte gibt es in den meisten Fällen nicht. Kennzeichen der Betroffenengruppe ist häufig ein fehlender Krankenversichertenschutz, massive bürokratische Hürden im Hinblick auf den Erhalt einer Gesundheitskarte, und damit ein erschwerter Zugang zur medizinischen Versorgung im Gesundheitsregelsystem als Auswirkung einer gesellschaftsstrukturellen Fehl-, Mangel- und Unterversorgung. Die Betroffenen müssen mit Respekt und Wertschätzung behandelt werden (Gleichwürdigkeit versus Sozialrassismus) und eine Gesundheitsversorgung im Regelsystem strukturell verankert werden.“

Prof. Dr. Gerhard Trabert, Mitinitiator des Kongresses, Arzt in Mainz, 1. Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit in Deutschland e. V.

 

1995 – 2015: Der Kongress verändert sein Gesicht


Der erste Kongress Armut und Gesundheit fand am 8. und 9. Dezember 1995 an der Technischen Universität Berlin statt. Damals noch ohne Motto, war der Titel zugleich Schwerpunkt und Fokus. Veranstaltet und somit „aus der Taufe gehoben“ wurde er von der Ärztekammer Berlin, der Technischen Universität Berlin, die drei Jahre zuvor – im Jahr 1992 – mit dem Zentrum für Public Health den ersten gesundheitswissenschaftlichen Studiengang ins Leben rief, und der damaligen Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung, Gesundheit Berlin e. V. (seit 2009 Gesundheit Berlin-Brandenburg e. V., Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung beider Bundesländer).

Die Veranstalter konzipierten damals drei Fachtagungen, um einzelne, von Armut besonders betroffene Bevölkerungsgruppen in den Blick nehmen zu können und ihre Belange in das öffentliche Bewusstsein zu tragen: wohnungslose Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und Alleinerziehende. Schon damals, so berichten die Veranstalter, gab es Verwunderung z. B. zur Auswahl der Gruppe der Alleinerziehenden, „ein Hinweis darauf, die Wahrnehmung dafür zu schärfen, dass Armut sich häufi g unspektakulär gestaltet, in hohem Maße individualisiert ist und dass die Armut von Frauen und Kindern vielfach unsichtbar bleibt und in ihrem Ausmaß unterschätzt wird“ (Bouali, K.; Hellbernd H.; Wieners K. 1995: Vorwort zur Dokumentation des Kongresses Armut und Gesundheit 1995).

Seither hat sich das Antlitz des Kongresses deutlich gewandelt: Im letzten Jahr wurden an zwei Kongresstagen insgesamt 100 Veranstaltungen angeboten, mit einer weiteren Ausweitung in 2016. Statt 200 Teilnehmende in 1993 sind es inzwischen 2.300, davon allein 450 Referierende und Moderierende.

„Im Themenfeld Frühe Hilfen hat sich in den letzten zehn Jahren viel bewegt. An-
fangs wurde das Thema auf den alarmierenden Aspekt von Kinderschutz engge-
führt. Auch der Kongress hat dazu beigetragen, das Verständnis zu öffnen. Andere Akteure aus dem gesundheitlichen Umfeld – insbesondere aus der Frühförderung, den Krankenkassen und der Gesundheitsförderung – sind über den Kongress mit den Frühen Hilfen und dem NZFH vernetzt worden. Darüber hat sich auch der Blick der Akteure der Kinder- und Jugendhilfe geöffnet, die sich unter Gesundheitsakteuren zunächst nur Ärztinnen, Ärzte und Hebammen vorstellen konnten, und erst allmählich Zugang fanden.“


Prof. Dr. Raimund Geene, Mitinitiator des Kongresses, Professor für kindliche Entwicklung und Gesundheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

 

Wissenschaft im Kongressprogramm


Verschiedene Themenfelder haben sich in den vergangenen Jahren etabliert. Die Wissenschaft etwa ist u. a. durch die folgenden Bereiche vertreten (Auswahl):

  • Der Austausch mit dem Deutschen Institut für Urbanistik zu den Erfahrungen, die im Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ gemacht werden, ist schon seit seinen Anfängen fester Bestandteil des Kon- gresses Armut und Gesundheit.
  • Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH), in 2007 gegründet mit dem Ziel, den präventiven Kinderschutz und die Fachpraxis beim Auf- und Ausbau der Frühen Hilfen zu stärken, gestaltet den Kongress im Themenfeld der Kindergesundheit wesentlich mit (vgl. Statement von Raimund Geene oben).
  • Seit 2012 ist der ursprünglich in Bielefeld entstandene Tagungszyklus Health Inequalities integrierter Bestandteil des Kongressprogrammes.
  • Die Deutsche Gesellschaft für Public Health ist Mitveranstalter, ebenso das Gesundheitsökonomische Zentrum Berlin. Dadurch ist es gelungen, die akademische Public Health-Wissenschaft angemessen in das Programm einzubeziehen.
  • Auch international renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler melden sich in schöner Regelmäßigkeit zu Wort, zuletzt etwa Ilona Kickbusch, davor Michael Marmot oder Richard Wilkinson. Sie weiten den Blick und sorgen dafür, dass der Kongress nicht zu sehr im eigenen Saft der nationalen Gesundheitsförderungslandschaft schmort.
  • Der Bereich der Qualitätssicherung in Gesundheitsförderung und Prävention stellt einen weiteren Schwerpunkt des Kongresses dar (s. nebenstehendes Statement von Petra Kolip). Hier sind vor allem die Aktivitäten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit zu nennen.

„Vor 20 Jahren war das Thema Qualitätsentwicklung noch kaum auf der Tagesordnung – „gut gemeint“ war seinerzeit gut genug. Das war auch gut so, denn dies erlaubte es, einen bunten Strauß der Gesundheitsförderung zusammenzustellen und die Vielfalt der Ansätze zu präsentieren. In den letzten zehn Jahren hat das Thema Qualität mehr Raum bekommen: An einem gemeinsamen Verständnis dessen, was „Qualität“ in der Gesundheitsförderung meint, wird ebenso gearbeitet wie an Instrumenten und Verfahren der Qualitätsentwicklung und der Frage, wie sich die Wirkung komplexer Interventionen – wie sie für die Gesundheitsförderung im Setting typisch sind – nachweisen lässt. Der Kongress war und ist eine wunderbare Plattform, auf der sich Konzepte diskutieren und Anwendungsbeispiele reflektieren lassen. Wissenschaft und Praxis tauschen sich seit Jahren zu diesen Fragen aus – danke dafür!“


Prof. Dr. Petra Kolip, Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung, Universität Bielefeld.

 

 

Praxis im Kongressprogramm

Mindestens ebenso wichtig wie die akademische Public Health-Landschaft sind die vielen Beispiele aus der Praxis, die sich alljährlich auf dem Kongress Armut und Gesundheit vorstellen. Schon seit seinem Entstehen bietet der Kongress immer auch eine Plattform für kleinere und größere Projekte (vgl. Statement von Dagmar Pohle und Kerstin Moncorps). Sie zeigen, dass es notwendig ist, bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung immer auch diejenigen einzubeziehen, die von diesen Maßnahmen profitieren sollen (Stichwort: Partizipation). Sie zeigen auch, wie wichtig es ist, vor Ort zu sein (Stichwort: Setting-Ansatz), denn nur in der Kita, im Betrieb, im Seniorenclub und Nachbarschaftsheim erreichen wir alle Menschen gleichermaßen, direkt in ihrer Lebenswelt, ohne die stigmatisierende Zuschreibung „sozial benachteiligt“. Indem wir diese Räume so gestalten, dass sie ein Leben in Gesundheit ermöglichen und die gesunde zur einfacheren Wahl machen (WHO 1986), können wir aktiv auch und insbesondere diejenigen erreichen, die der Unterstützung am meisten bedürfen.

Der Kongress Armut und Gesundheit war und ist für den Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf ein Motor für die kommunale Schwerpunktsetzung im Bereich der Gesundheitsförderung und Plattform für den Austausch zu aktuellen Themen. Ein Beispiel dafür ist das Modellvorhaben Präventionskette „Gesund aufwachsen in Marzahn-Hellersdorf“. Vor dem Hintergrund integrierter kommunaler Strategien zählt es zu den Aufgaben einer Kommune, ihre Bewohnerinnen und Bewohner an der Gestaltung, Umsetzung und Weiterentwicklung von Angeboten zu beteiligen und die Ressourcen von Fachkräften sowie bestehende Strukturen zu nutzen. Hierfür sind mit dem Modellvorhaben und dem sich daran anschließenden Folgeprojekt erste Ansätze und Strukturen entwickelt worden. Auf dem Kongress Armut und Gesundheit konnten erste Ergebnisse vorgestellt und reflektiert werden. Im Diskurs mit unterschiedlichen Fachbereichen haben wir Anregungen für die weitere Ausgestaltung unserer Arbeit erhalten. Der Kongress bündelt darüber hinaus wichtige Schnittstellen wie das Gesunde Städte-Netzwerk, den kommunalen Partnerprozess und die Frühen Hilfen. Unser Dank gilt dem engagierten Organisationsteam des Kongresses!“

Dagmar Pohle, stellv. Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin für Gesundheit und Soziales, und Kerstin Moncorps, Koordinatorin für Gesundheitsförderung des Berliner Bezirkes Marzahn-Hellersdorf und Sprecherin des Arbeitskreises Bewegung und Ernährung bei Gesundheit Berlin-Brandenburg.

 

So schildern die vielen engagierten Praktikerinnen und Praktiker auf dem Kongress ihre Erfahrungen, ihre Erfolgserlebnisse und im besten Fall auch die Dinge, an denen sie gescheitert sind, um im Austausch mit anderen von Erfolgen und Fehlern gleichermaßen zu lernen. Dieser Austausch erwies sich in den ersten Jahren des Kongresses als so fruchtbar, dass der Wunsch und die Vision aufkamen, ihn zu verstetigen. Die Idee einer „lebendigen Datenbank“ entstand, die die Vielfalt der nationalen Gesundheitsförderungslandschaft abbildet.

Die Internetplattform des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit www.gesundheitliche-chancengleichheit.de, die heute mehr als 2.000 Projekte beinhaltet, ist Ergebnis dieses Prozesses, der als flankierende Maßnahme zum Programm Soziale Stadt von der BZgA initiiert wurde (vgl. Geene, R., 2003, Neun Jahre Kongresse „Armut und Gesundheit“).

Angestoßen wurde damit außerdem ein Prozess des Nachdenkens über gute Praxis in der Gesundheitsförderung. Dieser Prozess gipfelte – nach langen Jahren der Erarbeitung – in der Bereitstellung von Kriterien guter Praxis, die seit Neuestem auch in Form von Steckbriefen zur Verfügung stehen. Diese sollen Reflexions- und Qualitätsentwicklungsprozesse in der Praxis anstoßen und begleiten.

Im Jahr 2013 wurde die Idee des Austausches weiterentwickelt mit der bundesweiten Plattform www.inforo-online.de. Sie beschreitet neue Kommunikationswege und gibt damit den Akteurinnen und Akteuren im gesamten Bundesgebiet Werkzeuge an die Hand, um Netzwerke zu knüpfen und voneinander zu lernen. inforo online wird vom Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) und von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) getragen. Beide Plattformen stellen damit nun dauerhafte Strukturen des Austausches zur Verfügung und ergänzen damit das punktuelle, einmal im Jahr stattfindende Ereignis.

 

Ein Projekt mit vielen Unterstützern

Organisiert wird diese Themenvielfalt durch Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. Dabei gelingt es immer aufs Neue, die „Vielfalt zwischen Kiez- und Bundesperspektiven, die Sichtweisen (...) von Verbänden, Politik und Selbsthilfegruppen“ (Geene 2003), von Universitäten, Praktikerinnen und Praktikern unter einen Hut zu bekommen. Ohne die tatkräftige Unterstützung aus den Arbeitskreisen des Vereins wäre dies nicht leistbar (s. Kasten Statement von Detlef Kuhn).

„In der Startphase des Kongresses Armut und Gesundheit war ich von der Idee an sich sehr angetan und bin auch heute noch von der überwältigenden Entwicklung begeistert. Zunächst habe ich wenig Bezug zum Thema Betriebliche Gesundheitsförderung gesehen. Je mehr wir uns jedoch mit diesen Perspektiven befasst haben, umso leichter fiel uns von Jahr zu Jahr die Ausgestaltung der Workshops mit spannenden Themen und engagierten Referierenden. Mittlerweile ist daraus ein fester Bestandteil in der jährlichen Arbeitsplanung des Arbeitskreises Betriebliche Gesundheitsförderung geworden. Unter dem heute gängigen Schlagwort „prekäre Arbeitsverhältnisse“ reicht dann das Vorstellungsvermögen – bebildert und unterlegt mit vielen Aktionen von Günter Wallraff – bis hin zu Berichten von Arbeitsverhältnissen auf dem Bau, in Fleischfabriken, aber auch den früher häufig anzutreffenden, jahrelangen Praktika ohne jegliche Bezahlung. Das Thema Armut und Gesundheit ist also eng verbunden mit vielfältigen Beispielen aus der Arbeitswelt.“

Detlef Kuhn, langjähriger Sprecher des Arbeitskreises Betriebliche Gesundheitsförderung bei Gesundheit Berlin-Brandenburg e. V. und Geschäftsführer des ZAGG.

 

Aber auch den vielen Förderern und Unterstützern gilt der Dank, die das Vorhaben alljährlich unterstützen. Das mit den Jahren stetig wachsende Finanzvolumen wird durch sie getragen, der Kongressdurch sie am Leben erhalten. Und nicht zuletzt ist all denen zu danken, die sich immer wieder von Neuem aktiv in die Programmgestaltung des Kongresses Armut und Gesundheit einbringen: den Referierenden, Koordinierenden und Moderierenden, die engagiert und ehrenamtlich Fachforen und Workshops bestreiten, aber auch schon lange davor in Vorbereitungsgruppen ihre Expertise zur Verfügung stellen, um ein reichhaltiges Programm zu erarbeiten.

 

Armut und Gesundheit - noch aktuell?

Auch wenn die Geschichte des Kongresses vor allem eine Erfolgsgeschichte ist, besteht – gemessen an dem, was er leisten möchte – wenig Grund zur Freude und vor allem kein Grund sich auszuruhen! Die Zahlen des Robert Koch-Instituts und die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass wir zwar inzwischen viel wissen über das Problem der sozialen Ungleichheit und seinen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen. Dass wir aber mit gesundheitsförderlichen Aktivitäten immer nur symptomatisch bekämpfen können, was ein grundsätzlich strukturelles Problem u. a. der Ungleichverteilung von Ressourcen in diesem Land darstellt.

Immer wieder merken wir, dass die Gesundheitsförderung an Systemlogiken anderer Ressorts aneckt, dass sie selbst oft zu tief in ihrer eigenen Systemlogik steckt. Wir tragen – wenn wir raus aus dem engagierten Kreis der „Eingeweihten“ treten – eben doch keine Eulen nach Athen. Sondern „dort draußen“ müssen wir die  gesundheitliche und soziale Ungleichheit skandalisieren, immer wieder.  Dort müssen wir die Entwicklungen auch anderer Bereiche intensiver anerkennen, begleiten und mitgestalten. Im neuen Präventionsgesetz, das thematisch den kommenden Kongress überspannen wird, ist genau dieses Problem der gesamtgesellschaftlichen, ressortübergreifenden Verantwortung für Gesundheit nicht angegangen worden. Immerhin findet die soziale Chancengleichheit darin Erwähnung. Und dass Gesundheitsförderung im Setting so deutlich gestärkt wird, ist eine große Chance für uns und eine Errungenschaft der vielen Aktiven im Bereich der Gesundheitsförderung. Aber wie lassen sich die neuen Regelungen in die kommunale Praxis überführen? Wird es gelingen, Gesundheitsförderung und Prävention zu systematisieren? Wie können wir auch wieder besser und verstärkt diejenigen in die Veranstaltung einbeziehen, als deren Fürsprecher wir uns verstehen?

Lassen Sie uns darüber gemeinsam diskutieren! Am 17. und 18. März 2015 in der Technischen Universität Berlin!

„Wir brauchen eine Medizin, die bei Krankheiten die sozialen Wurzeln erkennt und die Voraussetzungen für die Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Gesellschaft durchsetzt. „Armut und Gesundheit“  beschrieb damals die Herausforderung genau, als im Gespräch mit Gerhard Trabert in der Ärztekammer Berlin Titel und Idee zum Kongress entstanden sind. Bildungsnotstand und soziale Desintegration sind heute noch schlimmer geworden. Die wirkliche Frage der Gesundheitskrise und der Gesundheitswirtschaft lautet: Dient das Gesundheitssystem dem Kapital mit seinen Interessen oder der Bevölkerung mit ihren Bedürfnissen? Zwischen
Ethik und Profit sind Entscheidungen gefordert. Die Symptome der Armut in unserem Land zeigen die Krankheiten unseres Gemeinwesens. Dreißig Jahre nach der Ottawa-Charta braucht Deutschland eine mutige Politik der Gesundheitsförderung.
Der jährliche Kongress Armut und Gesundheit vermittelt dafür Wege, die wir gehen können, und strategische Konzepte, die wir umsetzen müssen. Er steht für eine soziale Heilkunst gegen die Angst, die Gier und den rücksichtslosen Egoismus in unserer Gesellschaft.“

Dr. med. Ellis Huber, Mitinitiator des Kongresses Armut und Gesundheit und Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen e. V.

 

 

Mehr zum Thema

  • Bouali, K.; Hellbernd H.; Wieners K. (1995), Vorwort. In: Gesundheit Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Dokumentation des 1. Kongresses Armut und Gesundheit 1995, Seite 7-8; Berlin.
  • Geene, R. (2003), Neun Jahre Kongresse „Armut und Gesundheit“. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.), Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte. Aufbau einer Internetplattform zur Stärkung der Vernetzung der Akteure. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 22; Köln. S. 43-49.
  • Huber, E. (1995), Begrüßung der KongressteilnehmerInnen. In: Gesundheit Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Dokumentation des 1. Kongresses Armut und Gesundheit 1995, S. 9-10; Berlin.
  • Kickbusch, I. Wismar, M., Rosenbrock, R., Rühmkorf, D. (2015), Wir müssen auf eineneue Weise politisch für Gesundheit agieren. In: Gesundheit Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Info_Dienst für Gesundheitsförderung, Ausgabe 1/2015; Berlin.
  • Lampert T., Kroll L. E. (2014), Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung. In: Robert Koch-Institut (Hrsg.), GBE kompakt 2/2014; Berlin.
  • Mielck, A. (1995), „Armut macht krank - Krankheit macht arm“ – Abschied vom Solidaritätsprinzip. In: Gesundheit Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Dokumentation des 1. Kongresses Armut und Gesundheit 1995, S.11-18; Berlin.
  • Rosenbrock, R. (1999), Sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen und Gesundheitspolitik. In: Gesundheit Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Dokumentation 5. Kongress Armut und Gesundheit, Berlin.
  • Rosenbrock, R. (2015), Rede zur Eröffnung des 20. Kongresses Armut und Gesundheit am 5. März 2015 in der Technischen Universität Berlin. In: Gesundheit Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Dokumentation 20. Kongress Armut und Gesundheit, Berlin.

Alle Fotos: André Wagenzik

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Dieser Artikel erschien zuerst im Journal Gesundheitsförderung 1-2016 des Conrad-Verlags (S. 68 ff.). Hier finden Sie weitere Hinweise zu Erscheinungsweise und Bestellmöglichkeiten der Publikation.